Hatha-Yoga


Hatha-Yoga

Hatha-Yoga-Übungen beschäftigen sich mit dem menschlichen Körper. Als „Asanas“ bezeichnet man bestimmte Körperstellungen, die meist auf Grund ihrer Charakteristik nach Tieren benannt wurden. Das Einnehmen und Halten dieser Stellungen entfaltet ihre körperlichen, energetischen und geistigen Effekte.

„sthira-sukham-āsanam“
Bewegungslos (stabil), angenehme Körperhaltung
(Patanjali, Yoga-Sutra)


Im „modernen“ westlichen Yoga erfahren Asanas eine sehr große Verbreitung und Beliebtheit. Das ist sehr gut. Ihr Wert besteht in der Vorbereitung des Körpers auf weiterführende, komplexere Techniken. Sie haben die Aufgabe den menschlichen Körper kräftig, beweglich und gesund zu halten, um ihn für die sitzenden Techniken (z.B. Pranayama, Meditation) fit zu machen.

Dabei ist es nicht zweckmäßig ständig neue Asanas in die Yogastunden einfließen zu lassen. Der Geist ist in diesem Fall immer wieder neu damit beschäftigt diese Stellungen zu erlernen und wird es schwer haben zur Ruhe zu kommen. Dienlicher ist es, die Asanas wiederholt auszuführen. Idealweise in einer Routine. Dies hat den Vorteil, dass der Geist sich irgendwann nicht mehr auf die Ausführung konzentrieren muss und man seine Aufmerksamkeit auf die subtileren Prozesse im Körper lenken kannst.

"Ha"
... ist die Sonne, männliche Energie
"Tha"
... ist der Mond, weibliche Energie
Hatha-Yoga hat also das Ziel, die in jedem Menschen innewohnenden weiblichen und männlichen Energien auszugleichen und zu harmonisieren. Auch hier zeigt sich einmal mehr die Definition von Yoga (Einheit, Harmonie).


Das tiefe Erfahren und Spüren des Körpers ist im Hatha-Yoga, aber auch im Alltag, eine wichtige Angelegenheit. Diese Eigenschaft kann dir außerordentlich dienlich sein. „Tu das was dir gut tut!“ lautet ein Sprichwort. Doch dafür ist die Eigenschaft des tieferen Wahrnehmens des Körpers notwendig.

„Go inside and listen to your body, because your body will never lie to you. Your mind will play tricks, but the way you feel in your heart, in your guts, is the truth.” (Miguel Ruiz)

Um das tiefere Wahrnehmen des Körpers zu erlernen ist das Üben mit Gegensätzen sehr hilfreich. Das kontinuierliche Abwechseln zwischen Anspannen und Entspannen, Bewegung und Ruhe, Konzentration und Loslassen birgt das Potenzial, dem Übenden auf Dauer mit der Sprache des Körpers bekannt zu machen.

Mit der Zeit, weiß er ganz genau, wann der Körper Ruhe braucht oder wann es Zeit für Bewegung ist. Er weiß sehr genau welches Essen ihm gut bekommt und welches nicht. Er lernt seinen Körper zu schätzen und zu lieben und dessen Gesundheit und Vitalität wird ihm ein besonderer Herzenswunsch.

Das Prinzip „Anspannen – Entspannen“

Unsere alltäglichen Aktivitäten (Sport, Arbeit, Familie) bringen den Körper in einen Zustand der Leistungsbereitschaft. Immer wenn der Körper etwas leisten muss, befindet er sich im Stress (mal mehr, mal weniger). Dies hat folgende Auswirkungen:

Auswirkungen von Stress:
Auswirkungen von Ruhe:
Erhöhter, unruhiger Puls
langsamer, ruhiger Puls
flache, schnelle Atmung
tiefe, langsame Atmung
erhöhte physische und psychische Leistungsbereitschaft
erhöhte physische und psychische Erholung
verminderte Verdauungsleistung
erhöhte Verdauungsleistung
geschwächtes Immunsystem
gestärktes Immunsystem
generelle Anspannung in den Muskeln
Entspannung aller Muskeln


Der Lebensstil vieler Menschen der heutigen Zeit führt dazu, dass der Tag mit Aktivitäten überhäuft wird und sich keine Zeit für Erholung und Entspannung gelassen wird.

Dies bringt den Organismus in einen dauerhaften Stresszustand, der bald schon Gewohnheit wird und dann auch nur noch schwer wahrgenommen werden kann. Auf Grund der, damit einhergehenden, geringen Verdauungsleistung wird der Stoffwechsel beeinträchtigt, was wiederum noch mehr Stress für den Körper bedeutet. Dazu kommt, dass das schwächere Immunsystem seltener in der Lage ist Krankheiten abzuwehren. Die Leistungsatmung (die flache, schnelle Atmung) wird zur Gewohnheitsatmung und führt dazu, dass dieser Zustand auch weiterhin aufrechterhalten wird.


Also nur noch Erholen?

Es ist nicht ratsam dem Körper nur Erholung zukommen zu lassen, genau so wenig wie permanente Aktivität. Vielmehr ist es erstrebenswert, einen balancierten Ausgleich beider Zustände im Alltag zu erreichen. Es gibt Zeiten für Aktivität und es darf auch Zeit für Erholung geben. Beide sind wichtig und notwendig um ein ausgeglichenes, harmonisches Leben zu führen.

In dem der Übende, mit erhöhter Achtsamkeit, die wechselseitigen Positionen (Aktivieren und Erholen) in den Asanas genau erkundet und sich auf eine tiefe, langsame Atmung konzentriert, entwickelt er allmählich die Eigenschaft, auch im Alltag genau abzuschätzen, wann der Körper Ruhe benötigt und wann es wieder Zeit für Aktivität ist. Und er entwickelt ganz von selbst den Wunsch, diese Zeichen des Körpers nicht zu übergehen.

Das Prinzip „Achtsamkeit und Wiederholungen“

Es gibt verschiedene Arten Asanas auszuführen. Viele Yoga-Stile sind eher dynamisch oder auch sehr kraftvoll mit vielen verschiedenen Yoga-Positionen. Diese Stile sind vor allem im Westen sehr beliebt, denn sie werden dem, hier vorherrschenden, Fokus auf den Körper sehr gerecht. Dies ist auch gut so. Hier entsteht die Entspannung meist durch ein Übermüden der Muskulatur nach vorherigen intensiven Gebrauch.

Jeder sollte genau das üben, was ihn in die Ruhe führt. Für die Einen ist die Praxis eher kraftvoll und dynamisch. Für die Anderen ist es sinnvoll einen achtsamen Yoga-Stil mit wenig Asanas und Wiederholungen zu praktizieren.


Wiederholen der Asanas führt zu:
  • nach einer anfänglichen Lernphase bedarf es keinerlei Konzentration mehr die Asana auszuführen
  • der Geist erlangt dadurch ein gewisses Maß an Freiheit, die es ihm ermöglicht seine Wahrnehmung auf feinere, subtilere Prozesse im Körper und den Gedanken auszurichten
  • Fortschritte in den Asanas werden viel schneller bemerkt
  • Alltägliche Unterschiede in der Praxis werden bewusster wahrgenommen und möglicherweise mit Situationen im „Außen“ in Bezug gebracht.
  • Das Prinzip „Innen=Außen und Außen=Innen“ kann direkt erfahren und beobachtet werden.

Achtsamkeit während der Praxis für zu:
  • gesteigerte Körperwahrnehmung, im Besonderen des vollständigen Atemvorgangs
  • gesteigerte Konzentrationsfähigkeit und weniger Streuung der Gedankenkraft
  • direktes Erfahren der Wirkungen in den Asanas
  • Möglichkeit des selbstständigen Nachkontrollierens und Korrigierens der jeweiligen Körperstellung


Auch hier gilt es ein gesundes Mittelmaß zu finden. Allzu kreative, kraftvolle oder dynamische Asanafolgen lenken den Geist weg von der entspannten Wahrnehmung. Er ist mehr damit beschäftigt die Asana auszuführen, die Bewegung zu koordinieren oder dem Yogalehrer zu folgen. Ein direktes Erfahren von Gedanken- und Körperprozessen wird somit erschwert.

Natürlich gibt es für jeden einen geeigneten Yoga-Stil, der seine körperlichen und geistigen Potenziale in einem ausgewogenen Maß ausschöpft. Ein guter Ratgeber ist das Gefühl nach der Yogastunde. Geht es mir gut? Bin ich entspannt? Habe ich Energie?

Das „Gefühl danach“ ist ein allgemeines Prinzip und kann im Grunde bei jeder Aktivität (Essen, Trinken, Arbeit, Hobby, Freunde) im Alltag als Ratgeber hinzugenommen werden.